LA GRANDE-DUCHESSE DE GEROLSTEIN/ DIE GROSSHERZOGIN VON GEROLSTEIN OPÉRA-BOUFFE IN DREI AKTEN

EIN GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR JOAN ANTON RECHI

 Joan Anton Rechi
Foto: ZVA/Harald Krömer
 

DIE GANZE WELT –

EINE SPIELZEUGFABRIK

 

 

»La Grande-Duchesse de Gérolstein« zählt zu

den bekanntesten Werken Offenbachs. Eine

Operette zu inszenieren birgt gerade durch

ihre Frivolität auch ihre Schwierigkeiten. Was

hat dich an dem Werk fasziniert?

 

Was mich gerade an den Offenbach-

Operetten besonders anspricht, ist die

Kombination von leichter, lebendiger

Musik mit einer sehr tiefsinnigen Bot -

schaft. Offenbach nutzt die Frivolität

und den Humor in »La Grande-Duchesse

de Gérolstein«, um ganz gezielt gesellschaftliche

Missstände anzusprechen.

Wir müssen nicht immer ernst sein, um

Ernstes sagen zu wollen, das mag ich

sehr daran.

 

Offenbach nutzte dieses Werk als bissige

Satire auf die Pariser Gesellschaft, besonders

jedoch auf den Militarismus.

 

Es ist eine große Kritik an der Realität.

Das Stück beginnt mit einem klaren

Fokus auf Militarismus und Krieg und

entwickelt sich zu einer ironischen und

sarkastischen Erzählung über Liebe und

Macht. Psychologisch erzählt sie uns

auch, wie Personen von Rang in verschiedenen

Situationen diese Macht für

sich ausspielen – gegenüber dem Militär,

aber auch gegenüber dem Volk.

 

An dem einfachen Soldaten Fritz zeigt sich

dieser Aspekt besonders: Er wird ahnungslos

zum Spielball der Mächtigen. Eine Art

Identifikationsfigur?

 

Sicherlich, aber er selbst ist auch kein

rein positiver Charakter, denn auch er

nutzt das Machtgefüge. An dem Punkt,

wo er realisiert, dass die Großherzogin

in ihn verliebt ist, spielt er das Spiel mit.

Offenbach und seine Librettisten verschonen

keinen Charakter: Alle haben

sowohl positive als auch negative Seiten

und das macht sie wiederum sehr

menschlich. Obwohl manche Charaktere,

wie General Bumm, reine Karikaturen

sind, ist ihr Verhalten nachvollziehbar.

Selbst das der Grande-Duchesse ...

Sie ist eine Frau, die augenscheinlich

alles hat, aber sehr einsam ist. Sie ist

fast ein tragischer Charakter. Als

Herrscherin mit all dieser Macht kann

sie niemandem auf Augenhöhe begegnen

– das macht sie auch etwas realitätsfremd.

Ihre Gefühle und Sympathie

drückt sie über die Vergabe militärischer

Titel aus, die sie genauso schnell wieder

entzieht. Sie ist wie ein kleines Mädchen

mit Spielzeug spielend. Diese Sprung -

haftigkeit erzählt auch etwas, wenn man

tiefer hineinsieht.

 

»Sprunghaft« ist auch Offenbachs Musik.

Liebe und Militarismus sind musikalisch ge -

schickt miteinander verknüpft.

 

Es gibt Marschmusik, die plötzlich in

einen Cancan oder einen Galopp übergeht

und eine Verbindung herstellt. Auch

die Verschwörungsszene erinnert musikalisch

an eine Verdi-Nummer, die nachdenklich

stimmt, genauso wie die versteckte

Liebeserklärung der Groß herzogin

an Fritz – bis die Tanz-Rhythmen

das Ganze in etwas Komisches, Lä -

cherliches verwandeln. Die Musik ändert

schlagartig deine Stimmung und deine

Meinung. Ernstes verliert an Wichtig -

keit. Einer der größten Witzfiguren ist

General Bumm, seine Arie ist eine klare

Satire über den höchsten Mann der

Armee.

 

War dies die Inspiration dafür, das Bühnenbild

als Spielzeugfabrik anzulegen?

 

Es ist eine Art und Weise zu erzählen,

dass wir alle Spielzeug sind in der Hand

von Mächtigen. All diese Menschen,

Staats chefs, Politiker, benutzen uns nur

als Spielzeug. Warum werden Kriege ge -

führt? Wir bekommen suggeriert, Ent -

scheidungen würden zugunsten des Vol -

kes getroffen, aber es ist nur ein reines

Spiel um Macht oder Ablenkung, um an

der Macht zu bleiben. Bei Offenbach

wird all dies mit einem Lächeln gesagt,

man lacht darüber und realisiert erst im

Nachhinein, was eigentlich gesagt

wurde.

 

Ironischer Weise hat selbst die Großherzogin

keine Kontrolle über sich selbst und wird von

ihren Gefühlen geleitet.

 

Nicht einmal die Politiker sind die Chefs

dieser Fabrik. Die eigentliche Macht hat

die Wirtschaft, die großen Konzerne.

Hier sehe ich eine direkte Parallele zu

Offenbachs »Orphée aux enfers«: Es gibt

immer einen Gott, eine höhere Macht, die

dich lenkt und kontrolliert. Du glaubst

frei zu sein, aber in Realität bist du es

nicht. Heutzutage ist es die Social-Me -

dia-Welt: Es sind unsere eigenen Han dys,

unser »Spielzeug«, die uns lenken und

uns empfehlen, was wir kaufen sollen.

Wir sind also alle nur Spielfiguren eines gro -

ßen Spielbretts …

… und dieses heißt bei uns »Gerolstein«.

Für mich zeigt sich das auch in der Rol -

le des Chores als das Volk: Es ist nur

Spielzeug der Launen der Grande-

Duchesse und folgt den Anweisungen. Es

zieht in den Krieg oder passt sich ihrer

wechselnden Meinung an.

 

Es hat folglich auch kein Problem mit ihrer

Will kür und dem Günstlingswesen.

 

Die Großherzogin kann alles tun, was sie

will – ohne Konsequenzen. Sie oder auch

General Bumm gehen mit dem Men -

schen leben um wie mit einer Spiel -

zeugarmee. Statt Probleme erwachsen

zu lösen, soll Fritz umgebracht werden.

Auch bei Bumm ist der Hass nur Re sul -

tat gekränkter Eitelkeit.

 

Ein gewisser Narzissmus ist in der Politik

heut zutage durchaus aktuell.

 

Große Staatschefs, die nicht zugeben

können, dass sie Fehler gemacht haben

und sich von einfachen »kleinen« Bür -

gern verunsichern lassen. Oberhäupter,

die das Volk instrumentalisieren oder

Krieg führen, um an der Macht zu bleiben.

Offenbach spricht davon in einer

sehr leichten, humoristischen Art und

Weise mit tänzerischer Musik. Trotz tiefgründiger

Bot schaft zeichnet er eine

Welt gleich einer schnelllebigen Feier.

In welcher man einfach Spaß haben soll?

Das Leben ist ein großes Spiel – also

nimm es mit Humor. Selbst wenn wir

meinen, entscheiden zu können, sind wir

nicht komplett frei und werden doch von

außen in unserer Denkweise beeinflusst.

Manche Dinge, wie Kriege, kann man

nicht kontrollieren – dort sind selbst

Politiker nur Teil einer großen Spiel -

zeugfabrik. Nimm das Leben nicht zu

ernst – und genieße die Musik.

 

Das Gespräch führte Pia-Rabea Vornholt.