10 Fragen an die Regisseurin

 


Mehrere der Musiktheaterwerke Tschaikowskis basieren auf Dichtungen Alexander Puschkins, so auch »Pique Dame«. Gibt es Unterschiede?

Bei Puschkin handelt es sich um ein Spielerdrama, der deutsche Offizier Hermann/ German benutzt die junge Frau Lisa, um an das Geheimnis der drei gewinnbringenden Karten zu gelangen. Tschaikowski macht daraus eine große Liebesgeschichte, sein German liebt Lisa und glaubt, für eine gemeinsame Zukunft Kapital am Spieltisch gewinnen zu müssen. Er will Lisa etwas bieten können, was sie gar nicht nötig findet.


Welches sind die Themen, die dich an der Oper »Pique Dame« interessieren?

Die drei Stigmata, gegen die German nicht ankommt: Er ist arm inmitten der Upperclass von St. Petersburg, er ist Ausländer, der Fremde, der sich mit den angesagten Codes und gesellschaftlichen Konnotationen nicht zurechtfindet und schließlich ist er nicht adelig, er gehört nicht dazu. Er fühlt sich wie ein Alien, er ist zwar Offizier, aber nicht qua Status wie die anderen. Dann diese überaus interessante Frauenfigur Lisa, die hin- und hergerissen ist zwischen drei Optionen; Polina, mit der sie eine homoerotische Zuneigung verbindet, der reiche und geradlinig und großzügig gezeichnete Fürst Jeletskij, mit dem die lieblose Gräfin, ihre nicht unbedingt leibliche Großmutter, sie zu verbinden versucht und German, der sie überwältigt mit seinem leidenschaftlichen Liebesbekenntnis.


Was macht diese große Anziehung zwischen Lisa und German aus?

Sowohl Lisa als auch German sind Waisen, haben keine Eltern, Lisa ist der Kälte und dem Narzissmus dieser Großmutter ausgesetzt, German ist vielleicht als kleiner Junge irgendwie mit einem russischen Heer nach St. Petersburg gelangt. Beide haben keine Liebe erlebt und plötzlich fühlt German erstmals dieses ihn erschütternde Gefühl und konfrontiert Lisa damit bedingungslos und maßlos zugleich: »Ich will deine Liebe oder den Tod«. Spätestens da müsste Lisa aufhorchen und denken: Stop! Hier stimmt was nicht! Aber sie ist so überwältigt, dass jemand sie will, sie liebt. Sie fühlt sich wertlos wie German, die beiden erkennen sich, spiegeln sich etwas. Die spannende Frage ist: hat das eine Chance?


Also auch eine tiefenpsychologische Studie, die beiden Protagonisten sind in besonderem Maß geprägt und versehrt durch ihre problematische Sozialisation?

Ja, mir fiel sofort zu diesen beiden das Märchen »Von dem Machandelboom« der Brüder Grimm ein. Das Geschehen ist grausam, weil es nicht in der Welt von Zauberern, Riesen und Zwergen spielt, sondern in einer Familie. Nicht umsonst beginnt Tschaikowski seine Oper mit dem Kinderchor.


Ein zentrales Motiv des Stückes ist das Geheimnis der drei Karten. Ist das Stück nun ein romantisches Märchen?

Es ist mehr als ein Märchen, es ist Magie im Spiel, die Oper streift die Genres der Kriminal-, Horror- und Schauerliteratur. Es hat zu tun mit der unheimlichen Poesie der Romantik. German verfällt immer mehr dem Wahnsinn, wird immer mehr von seinen Alpträumen geplagt, insofern könnte man es auch als moderne Geschichte einer posttraumatischen Belastungsstörung des Offiziers German lesen.


Eine dritte zentrale Figur des Stückes, die mit German und Lisa eine Art Trias bildet, ist die schon erwähnte Gräfin. Gleich beim ersten Aufeinandertreffen deutet sich die Schicksalhaftigkeit dieser Begegnung für alle drei Figuren an. Was verbindet German und Lisa?

Eine magische Anziehung, beide haben schon in Abgründe gesehen und dieses Dunkle kreiert eine Art Erotik zwischen den beiden, Anziehung und Abstoßung zugleich.

In der nächtlichen Begegnung stirbt die Gräfin. Woran stirbt sie, ist es die Pistole, die sie zu Tode erschreckt?

Nein, sie ist hartgesotten, German bringt sie dazu, in den Spiegel zu sehen, daran stirbt sie, an dieser Enttäuschung, an der zu plötzlichen Wahrnehmung der Realität.


In die Mitte des zweiten Aktes hat Tschaikowski ein Spiel im Spiel, bzw. ein Schäferspiel im Stile Mozarts gesetzt. Die Idee kam vom Intendanten des Petersburger Theaters und bezweckte einen Tribut an die Opernkonvention, bzw. die Grand Opéra. Häufig wird es gestrichen. Du hast es inszeniert, warum?

Ich finde es ein Sakrileg, diesen Teil dem Publikum vorzuenthalten, es kommt scheinbar leicht und unterhaltsam daher, aber es ist für Jeletskij ein Schlag ins Gesicht: Wie das bestellte Theater in »Hamlet« enthüllt es die Wahrheit: Die schöne Schäferin entscheidet sich für den armen Schäfer, nicht für den reichen Plutus. Symbolhaft für die Dreiecksbeziehung German/ Lisa/ Jeletskij.


Bei Puschkin geht Lisa eine neue Beziehung ein und German endet im Irrenhaus. Bei Tschaikowski bringen beide sich um. Wie liest du das Ende?

Diesen ewigen Suiziden der Opern- und Dramen-Heldinnen der letzten Jahrhunderte setze ich die feministische Entwicklung der letzten Jahrzehnte entgegen.


»Pique Dame« ist auch eine große Choroper, welche Funktion haben diese Chöre, die nicht selten scheinbar belanglose Texte singen?

Eigentlich ist die Oper ein dramatisches Kammerspiel, die Chöre tauchen scharf hinein und konturieren Germans Alpträume und seinen Wahn, seine Minderwertigkeits gefühle und seine Ängste.