Hagen - Interview mit Johannes von Matuschka

 


RING SPIN-OFF:
DIE GENERATION DER KINDER


Im Gespräch mit Regisseur Johannes von Matuschka 

                                                           
Was bedeutet es für Dich, ein großes Opus wie Wagners »Ring« aufzubrechen?

                         
Verantwortung und lustvolle Herausforderung. Der »Ring« hat durch seine Ringform keinen Anfang und kein Ende – sonst wäre er ein Stab. Alle Ereignisse sind Abrisse, Schnipsel des Bewusstseins oder filmische Rückblenden, oftmals auch Wiederholungen oder Variationen der Geschichte. Wotan hat die Weltesche lange vor dem »Rheingold« verletzt, um seine Weisheit zu erhalten. Die Welt ist schon beim Es-Dur im Rhein nicht »rein« und eben nicht ein Anfang. Wir werden in ein immer wiederkehrendes Ritual geführt. Der Gedanke der immer wiederkehrenden Zyklen hat mich sehr fasziniert. Diese Fassung ist eine Montage von Szenen und erlaubt so, den Blickwinkel zu verändern und zu schärfen. Den Blick auf die nachfolgende Generation der Kinder: Hagen, Siegfried und Brünnhilde. Alle drei geraten in den Machtkonflikt ihrer Eltern und werden von diesen für eigene Zwecke instrumentalisiert.                       


Welche Konturen gewinnt die Figur Hagen in diesem ersten Teil der Trilogie? 

                        
Von den drei Protagonisten unserer Ring-Trilogie ist er derjenige, der am wenigsten Raum für persönliche Entwicklung besitzt. In der Tetralogie kommt er erst im letzten Teil der »Götterdämmerung« vor – gezeugt und geboren, um seinem Vater zu dienen und zu hassen. Mit den Mannen züchtet er sich ein Heer von Unberechenbaren, opportunistisch geifernden Männern. Diese Mannen sind der einzige Chor im gesamten »Ring« und erscheinen mir wie innere Stimmen von Hagen: Sie schreien seine Sehnsucht nach Anerkennung durch den Vater Alberich heraus.                                 

                               
Inwieweit verändert die Fassung die Erzählperspektive bezüglich Hagen? Wie ist ihm der Abend gewidmet?                           

       
Dadurch, dass die Trilogie die Kindergeneration in den Vordergrund stellt, blickt man nicht aus der Perspektive der Götter, sondern aus den Augen der missbrauchten Kinder auf die Vätergeneration. Hagen verpasst sein eigenes Leben, weil er die ganze Zeit versucht, den Ansprüchen anderer zu genügen. Er muss erkennen, dass diese Ansprüche alle eine absurde Farce waren. Mir scheint Hagen wie ein Kind, das mit sieben Jahren auf Olympia getrimmt wurde und dann irgendwann vor Anstrengung zusammenklappt. Wie in einem Spin/Off zu einer Serie schaut Hagen auf die Ereignisse des »Rings«. Dadurch eröffnet mir die Fassung einen Raum, wie die Figur das Vergangene anders verarbeiten könnte. Könnte er sich vom übermächtigen Vater lösen             

                       
Welche Rolle spielt das Wasser in deiner Inszenierung?   

                                                   
Bei uns ist das Rheingold, welches Alberich den Rheintöchtern raubt, Wasser. Nicht das Rheinwasser, welches auch schon verunreinigt und mit Plastik verschmutzt ist. Vielmehr das Kostbare, Wertvollste und für uns noch Selbstverständlichste der Welt: Pures Quellwasser. Man kann vermuten, dass die Kriege des 21. Jahrhunderts um Wasser geführt werden. Man sieht in Nestle und Co., dem Bau von Staudämmen durch Erdogan zur Wasserkontrolle von Euphrat und Tigris nur zwei sehr unterschiedliche, aber ähnlich strukturierte Perversionen dieser »Großalberiche«. Als ich die inhaltliche Spur mit dem Wasser fand und verfolgte, eröffnete sich mir und dem Team auch die Welt der Götterdämmerung- Trockenheit und Dürre als das Ende im letzten Teil des »Rings«.