DIE FREIHEIT, MAN SELBST ZU SEIN - EIN GESPRÄCH MIT DER REGISSEURIN LUCÍA ASTIGARRAGA

Im Jahr 1875 uraufgeführt, hat »Carmen« bis heute nichts an Aktualität verloren.Was macht den Stoff deiner Meinung nach so zeitlos? 

Ich denke es ist immer wichtig, über Freiheit zu sprechen und darüber, wie Menschen für ihre Freiheit kämpfen.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wie Liebe, Hass und der Tod im Leben miteinander verbunden sind. »Carmen« ist eine universelle Geschichte, in der wir uns in jedem Charakter des Stückes wiederfinden können. 

Also eine Handlung, die sich leicht auf eine moderne spanische Gesellschaft übertragen lässt? 

Ja absolut. Das Stück setze ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts, vor 20 Jahren, an. Carmen ist ein Kind der 80er-Jahre, wie ich. Ich zeige eine Gesellschaft, wo konservative, katholisch geprägte Werte vorherrschen, es aber auch eine Menge Korruption gibt, besonders im sozialen Brennpunkt, dem Milieu aus dem Carmen stammt. Mir ist es in der Inszenierung wichtig, eine moderne Gesellschaft in ihrer Gesamtheit darzustellen, in der keiner gut oder schlecht ist. Ich mag es nicht, Rollen zu stigmatisieren. Auch im Chor gibt es Soldaten, Polizisten, Passanten, Zigarrenverkäuferinnen mit unter- schiedlichsten Persönlichkeitsfacetten. 

In deiner Inszenierung legst du einen besonderen Fokus auf Carmens Identität, indem wir sie bereits als Kind erleben.Was ist der Gedanke dahinter? 

Carmen wird erst während des Stückes zu Carmen. Sie ist noch nicht selbstbewusst, schön, leidenschaftlich und akzeptiert von der Gesellschaft. Sie ist verletzlich und aufgrund ihrer Sozialisation stark geworden. Mir ist es wichtig, diese Entwicklung zu zeigen, um ihren Charakter tiefer zu verstehen. Auch zu verstehen, woher ihre Stärke kommt, ihre Unabhängigkeit, ihr Mut. Ich glaube, dieser Hauptgrund ist eine harte Kindheit, in der sie nicht akzeptiert wurde und sich ihre Freiheiten erkämpfen musste. 

Die Freiheit ist es auch, die Carmen bereits
in ihrer Auftrittsarie, der Habanera, als ihre höchste Lebensmaxime definiert. Die Freiheit sie selbst zu sein, Freiheit zu lieben, wann und wen sie will. Eine Charaktereigenschaft, die auf Don José eine starke Anziehung ausübt ... 

Ihre absolute Freiheit in der Liebe fasziniert ihn sehr. Wenn Don José auf Carmen trifft, prallen zwei Welten aufeinander. José kommt aus einem streng katholischen, traditionellen und äußerst homo- genen Umfeld. Der »Zauber«, den Carmen auf ihn ausübt, basiert auf dieser Andersartigkeit. Er ist von der Idee fasziniert, wer er sein könnte mit einer Frau wie ihr: stark, unabhängig, selbstbewusst. Sie ist eine Kosmopolitin, eine Grenzgängerin, die durch ihr soziales Umfeld mit dem »echten Leben« verbunden ist. Ein Umfeld, in dem in meiner Inszenierung auch Transsexualität und Transgender eine Rolle spielen. Er ist von der Vielfältigkeit ihrer Welt fasziniert und von dem Ge- danken, frei von Konventionen und Traditionen zu leben. 

Hat umgekehrt Don José auch eine exotische Wirkung auf Carmen? 

Ich glaube, sie ist von ihm angezogen, weil sie spürt, dass er anders ist. Er hat keine Vorurteile, nicht die typische Arroganz der Männer aus ihrem Umfeld. Er besitzt Ehrlichkeit und eine gewisse Reinheit und Naivität. Carmen spürt, dass er wahre Gefühle besitzt, die vorher keiner ihr gegenüber hatte. Sie glaubt, dass seine Liebe so stark ist, dass er alles akzeptieren würde, um mit ihr zusammen zu sein. 

Dieses Fehleinschätzung ist der Grund für die Fatalität dieser Begegnung. Kurz nach ihrer ersten Zusammentreffen verhilft Don José Carmen zur Flucht und geht zwei Monate für sie in Haft. Die Tragödie ist eigentlich schon vorprogrammiert ... 

Die Erwartungshaltung auf beiden Seiten ist enorm. Menschen, die sich schnell und stark ineinander verlieben, projizieren in der Zeit, in der sie sich nicht sehen, Ideale auf den anderen. In dem Moment jedoch, in dem Don José zurückkommt, beginnt der Albtraum. Beide werden überrascht, von dem, wer sein bzw. ihr Gegenüber in Realität ist. Sie realisieren, dass sie aus ganz verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen stammen. José antizipiert es nicht, weil er im Endeffekt eine andere Form von Liebe er- wartet, die Liebe, mit der er sozialisiert worden ist: aufopfernd, mütterlich, verbindlich, bürgerlich, familienorientiert. Mit Carmen wird das nicht möglich sein. 

Carmens Verständnis von Liebe ist nahezu konträr. Sie ist auf die Gegenwart ausgerichtet. Sie sagt, wenn du mich lieben würdest, würdest du mir in die Freiheit, die Berge, folgen. 

Das ist ihre Art zu sagen: Wenn du mich lieben würdest, würdest du mich akzeptieren, wie ich bin, meine Vergangenheit, meine Identität, mein Selbstverständnis. Aber natürlich ist das nicht wahr, weil Beziehungen nicht nur Verliebtsein bein- halten, sondern auch rein praktisch funktionieren müssen. Vorurteile spielen zwischen beiden eine große Rolle, weil Don José aus einer religiösen baskischen Familie kommt, voller Erwartungen, was eine Frau erfüllen muss. 

Trotz dieser Erkenntnis ist Don José nahezu abhängig von Carmens Liebe. Er hat die Möglichkeit, sie zu verlassen, doch bleibt. In deiner Inszenierung trifft er die Entscheidung, sogar für sie zu desertieren, ganz bewusst. Warum? 

Sein Verstand rät ihm, zu gehen, aber seine Liebe ist stärker. Und er hat nie gelernt, seine Gefühle zu kontrollieren. Er selbst ist aufgewachsen mit dem Ideal einer starken Mutter, im Spanischen Matriarcado genannt. Bis zu diesem Punkt in seinem Leben hat immer seine Mutter den Ton vorgegeben. Jetzt findet er Carmen, die ihre eigenen Regeln hat und das ist für ihn enorm anziehend. In ihr sieht er diese mütterliche Stärke. Er fühlt sich sicher, komfortabel, er kann sie beschützen. Er ist abhängig von ihrer Liebe ganz nach dem Motto: Ich liebe es, wie du mich fühlen lässt. 

In der Schmuggler-Szene in den Bergen kollidieren schließlich ihre Welten ... 

Die Berge stehen bei Bizet sinnbildlich für einen Ort, wo es keine Regeln gibt. In meiner Inszenierung ist es einfach die Stadt in der Nacht. Du fühlst dich weniger beschützt und wirst mit deinen inneren Ängsten konfrontiert. Don José wird zum Opfer seiner Leidenschaft, seinem mangelnden Selbstwert. Er ist abhängig von Carmens Liebe und wird so zum gefährlichen Psychopathen. Aber auch für Carmen, die gelernt hat, ihre Emotionen perfekt zu beherrschen, ist die Nacht eine Offenbarung: Das Erscheinen Micaëlas lässt sie erstmals in Don Josés Vergangenheit und familiäres Umfeld blicken. Sie erkennt, dass ihre Liebe rein praktisch nicht funktionieren kann. Eine Erfahrung, die für sie nicht weniger frustrierend ist. 

Und dennoch hat sie bereits eine neue Liebe in Aussicht ... 

Carmen ist keine Julia, die für ihren Romeo sterben würde. Sie hat das Bedürfnis, sich immer wieder neu zu erfinden, sich weiterzuentwickeln. Escamillo ist nur eine Ahnung, die Möglichkeit einer neuen Liebe, auch die Aussicht auf einen Status. Grundsätzlich passt er viel besser zu ihr, weil Liebe für ihn kein Vertrag für die Ewigkeit ist. 

Carmen stellt sich Don José, obwohl sie weiß, dass er ihren Tod bedeutet. Ist dies eine Verteidigung ihrer Lebensmaxime bis zur letzten Konsequenz? 

Das Bewusstsein über den Tod, das auch mit ihrer Herkunft zusammenhängt, ist es, das Carmen so stark macht. Sie lebt jeden Moment ins Äußerste und dadurch hat sie nichts zu verlieren. »Frei ist sie geboren, frei wird sie sterben« ist ihr Anspruch, immer ehrlich mit sich selbst zu sein, immer sie selbst zu sein ohne Kompromisse. Die Konsequenz, mit der sie dafür einsteht, ist der Grund, warum ihr Charakter uns bis heute in den Bann zieht. 

 

Das Gespräch führte Pia-Rabea Vornholt.